Die Bucht von Arcachon ist bekannt fuer die Austernzucht. Warum eigentlich, geht doch viel einfacher: man nehme eine muschelfoermige Seifenschale, gebe fluessiges Eiweiss und Salz hinzu, dicke nach Geschmack noch etwas mit Mehl an und fertig ist die Auster. Nein wirklich, wir haben nicht verstanden, was der Zauber an diesem leicht salzig, sonst geschmacklosem Zeug sein soll, dann doch lieber Scampi oder Langusten. Die Wasserschnecken sind auch eigenartig, komischerweise werden keine Regenwuermer gekaut hier.
Wir fuhren also weiter, den Nordzipfel der Gironde-Halbinsel, abgegrenz von Meer und dem Fluss Gironde nord-westlich von Bordeaux. Auch wenn es in keinem Reisefuehrer vermerkt ist, das Radwegenetz umgewandelter Eisenbahnlinien ist, denke ich, weltweit einzigartig. In Summe sicher einige hundertkilometer 1,5m breite Teerstrassen nur fuer Radfahrer. Genutzt vielfach als Strandzubringer von den Campingplaetzen, erkennbar an den billigen Fahrraedern sonst eigentlich kaum vermittelbarer Qualitaet.
Wir rollten nur wenig weit zu einer langen Badepause am Lac Hourtin, wir dehnten die kurzweilige Zeit gleich bis zum Nachtlager aus. Der See ist so flach, dass Juri allein umherspringen konnte, Lenya freute sich darueber, ihre Fuesse im Sand zu vergraben und wieder zu finden. Angela, Cornelia und ich genossen die Sonne. Doch mit der Sonne war das so eine Sache, immer wieder mussten wir grosse Wolken mit vereinter Gedankenkraft auf die Seite schieben.
Nach diesem faulen Tag und einer Nacht auf einem gratis Campingplatz, ja wo gibt’s denn sowas sonst noch?, beschlossen wir alle, endlich mal wieder Gas zu geben. Ein breiter Forstweg, ohne all die Radfahrer in beide Richtungen, gab uns die beste Gelegenheit davon zu brausen. Nach drei Tagen Fahrt durch Pinienwaelder war uns die Gestalt dieser Baeume bald bestens vertraut und hatten langsam genug davon. Als uns dann Montalivet-les-Bains auch noch mit kilometerlangen Palisadenzaeunen zur Abgrenzung eines Nudistencamps begruesste vermissten wir Schoenheit. Wir machten noch eine kurze Rast am Strand, doch ein Strand bei Regen ist leider so wenig berauschend wie ein Hallenbad bei Sommerhitze. Wir beschlossen nun, unser Gironde-Abenteuer abzubrechen, zu wenden, und nun endgueltig Richtung Heimat zu fahren, also zum Bahnhof in Dax im franzoesischem Baskenland.
Wir fuhren nun durch die Rebstoecke des Medoc, ein huebscher Kontrast zum touristischen Strand und der Pinienwaldlandschaft zuvor. Unser Laune stieg wieder, durch unsere Ostfahrt hatten wir auch endlich mal Rueckenwind. Andererseits hielt das nun wirklich schlechte Wetter mit geschlossener Wolkendecke, wechselhaftem Regen, sinkenden Temperaturen, Platzregen in der Nacht unsere Laune in Schach. Das Wetter ist der bestimmende Faktor. Es beeinflusst unsere Stimmung und Wohlbefinden, damit unsere Geschwindigkeit, Pausen, truebt oder erhellt die Wahrnehmung und bestimmt zuguterletzt den Zustand unserer Bekleidung. Und der war bald schlecht. Natuerlich wuschen wir unsere Kleidung aus, als das Wetter schlechter wurde. Bald drei Tage lang kam sie nicht uebers halbfeucht sein hinaus und wurde nachts an der Leine wieder frisch durch gespuelt. So half nur eine ausgedehnte Pause im Waschsalon, aber das Wetter blieb. Entsetzt schuettelte sich spaeter ein alter Mann und meinte, seit 30 Jahren haette er sowas noch nicht erlebt, wir waren bei 16C, und er entsetzte sich geradezu ueber das saftig gruene Gras unter seinen Fuessen, das zu dieser Jahreszeit eigentlich braun sein sollte.
Keiner von uns wollte es aussprechen, aber die Fahrt wurde eher zur Pflicht und die Heimat kam in Gedanken naeher. Jetzt fuhren wir auch noch 20km Abschnitte schnurgerade durch den, genau, wieder Pinienwald. Die Autos krachten an uns vorbei und verloren sich am Horizont. Unsere Sinne weideten sich am Belanglosen: ein Knick in der Strasse, eine Feldwegabzweigung, ein Kilometerstein, ein Verkehrsschild. Ich mied die Kilometeranzeige auf dem Tacho, es war zaeh genug. Ueber die Zeit hat sich bei mir fuer solche Abschnitte die Strategie des Abwartens bewaehrt: unsere Geschwindigkeit lag konstant bei 20 km/h, eine herrliche Gelegenheit, den Geist abzulenken und zu errechnen, dass wir damit 5km in 15 Minuten zurueck legten, eine akzeptable Warteeinheit. So konnte ich mich auf Uhrzeiten fixieren, die mich meine Anstrengungen zur Fahrtauferhaltung vergessen liessen und dafuer das Gefuehl gaben, den unseligen Abschnitt einfach abzuwarten, damit also eher passiv zu ertragen als aktiv zu erleiden. So fuhren und “warteten” wir jeder fuer sich vor uns hin, derweil Juri - zur Nervenprobe fuer Angela - bekannte Dialoge ueber Motorrad, Feuerwehr und Waldarbeiter zu wiederholen versuchte.
Nachts schuettete aus allen Wolken, wir traeumten wohl alle von Arche Noah und Sinflut, durch sorgte dieser Wolkenbruch nun endlich fuer Klaerung. Auch waren die Durchmesslinien durch die endlosen Waelder der Gascogne “abgewartet”, so dass unser Laune in den ersten vereinzelten Sonnenstrahlen in Mimizan wieder stieg und ich somit nach einer laengeren Pause der geistigen Ruhe diese Zeilen verfassen konnte.
Die lange Zeit des “Wartens”
August 16th, 2008 · No Comments
Tags: Allgemein
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