Endlich rollte unser Velozug verdientermassen auf einer Eisenbahntrassee. Ja, eine wirkliche fantastische Idee, aufgegebene Bahnstrecken in Radwege umzuwandeln. Insgesamt standen uns 80km (!!!) komplett frei von jeglichem Verkehr, abseits in der freien Natur und praktisch ebenerdig zu Verfuegung. Wie verfluchen wir sonst den lauten Strassenverkehr, schnaubende Lastwagenbremsen, gedrosselte PKW-Motoren, die bei scharfen Ueberholvorgaengen aufheulen. Wie verfluchen wir aber auch die vielleicht gutgemeinten, in der Praxis aber voellig bescheuerten Radwege, die mal links, dann wieder rechts von der Strasse verlaufen, Bordstein rauf, Borstein runter, dann fehlt wieder ein Wegweiser und man geht verloren, oder stellt fest, dass man vom Verkehr zwar abgeleitet, dafuer aber die Doppeltedistanz zurueckgelegt hat oder quaelt sich an steilen Kurzaufstiegen gemaess der Maxime, dass die schwaechsten Verkehrsteilnehmer die groesste Leistung vollbringen muessen.
Hier aber, nichts von alledem. Wir fanden uns vielmehr in einer realen Utopie, in der man fast lautlos und sanft durch Muskelkraft dahin gleiten. Kein Gestank, nur ein leises Surren der Reifen. Es war fast surreal als sich immer wieder ein Radler am Horizont abzeichnete, die Konturen schaerfer wurden, und er nach vielicht 10 Minuten auf seinem Raumgleiter an uns vorbeiflog. In meiner Vorstellung sah ich Fahrradtanklastzuege, -sattelschlepper und -muldenkipper. Doch Juri, unser ambitionierter Motorradfan, rief uns mit seinen lauten Motorengeraeuschen in Erinnerung, dass der allgmeine Reiz doch ganz woanders liegt. Leider.
Nun der radweg Bazas-Mios ist wirklich ein Traum, eine einzigartige Veloautobahn und dabei noch sehr wenig genutzt. Lenya genoss einen grossen Teil der Fahrt im Sitz bei Angela, Juri wollte sich sowieso nicht mehr einspannen lassen und legte somit 15km komplett aus eigener Kraft in freier Fahrt zurueck.
Der Duft von Pinien lag in der Luft und unsere Seelen waren nicht mehr weit.
Wir liessen es fuer heute gut sein und richteten uns nach 60km Fahrt direkt am Wegrand fuer die Nacht ein. Es gab keine Fliegen, die Nacht war klar, der Duschsack gefuellt, perfekt? - naja fast, die Sitzbank fehlte aber schoen war es trotzdem.
Dann heute endlich der grosse Tag, alle Zeichen auf Meer, nur noch 20km in die Bucht von Arcachon. Der Radweg verschwand und wir fuhren auf einer unbelebten Strassen Richtung Bucht. Noch kurz vor dem Ziel waren die Haeuser eher aermlich, nicht gerade schoen, andererseits herrlich banal und nicht auf Touristenhochburg getrimmt wie in anderen Meeresregionen. Ueberrascht haben uns auch die vielen und wirklich passablen Radwege die uns noch naeher an die Bucht brachten. Alle summten wir eigene Freudeshymnen und machten uns bereit fuer den ersten Blick aufs Meer. Der blieb uns zunaechst lange verwehrt, da wir bisher ca. 15 Einwohner/km2 gewohnt waren und mit einem Mal in einer Region mit 1500 Einwohnern/km2 Land und Sauerstoff teilen mussten. Juri war gespannt wie Drahtseile und stiess Freudenschreie aus, die jedoch jaeh verstummten als wir im Austernhafen von Larros endlich aufs Wasser blicken wollten: Ebbe!
Traurig lagen die Fischerboote im matschigen Grund, braune Rinnsaale zeigten wo das Wasser fehlte. Juri war geschockt.
Es half nichts, wir fuhren weiter, kuerzten grosszuegig ab, die Straende konnten wir uns fuer die naechsten Stunden ja erstmal sparen. Stattdessen ruesteten wir uns im Decathlon-Sportmarkt aus. Es gab alles und vieles Nettes, nur was wir eigentlich brauchten, reines Waschbenzin fuer den Kocher, gab es nicht. Dafuer bekam Lenya einen Badeanzug, Juri eine Schwimmweste, die Zeit verging rasend schnell im ganz und gar nicht urlaubseingestimmten Industrieviertel von La Teste.
Nun steuerten wir das offene Meer an, Juri viel vor Muedigkeit fast vom Rad, aber Angela konnte ihn bei Stange halten, indem sie ihm immer bildlich vor Augen fuehrte, das 5km nur noch soviel wie von der Weimersheim Oma zur Tante Vio waeren und und…
Leider wurde es noch viel laenger. Die schoene Touristenattraktion Dune du Pila, die gigantische 115m hohe Wanderduene stellte sich uns einfach in den Weg und das fuenf weitere Kilometer. Es ging bergauf, natuerlich auch noch Gegenwind. Ich war ausgezehrt, verfluchte das Meer. Waren wir zwar hohe Berge geradelt, doch “Leistung faengt im Kopf an” sagt der Extremsportler Hubert Schwarz und “hoert im Kopf auf” moechte ich ergaenzen, setzten uns diese voellig absurden Anstiege einer Wanderduene, wo gibt’s denn sowas!?, fast ein Ende.
Doch dann, endlich Plage Petit Nice, Autos kriechen unaufhoerlich aus dem endlos riesigen Parkplatzlabyrinth, nichts wie rein - entgegen der Schneckenausfahrtsstrasse, so sparten wir einen weiteren Anstieg und sahen nun endlich, endlich, endlich, endlich die Sonnenstrahlen im Meereswasser funkeln.
Als waere soeben der Schankbetrieb beim Oktoberfest eingestellt worden stroemten uns unaufhoerlich Menschenmassen entgegen, die dafuer eine wunderbare Kulisse fuer unser Zieleinfahrtsfotoshooting bildeten. Ja, wir haben es geschafft: 1350km in 116h im Sattel mit durchschnittlich 14km/h (bitte Nachrechnen ob das stimmen kann) von Zurich an den Atlantik.
Juri erwacht wieder zu Leben, springt mit mir in die Wellen, Lenya schluckt begeistert den feinen Sand wie Schoggi-Pulver, und Angela und ich sind einfach nur froh und stolz, dass wir es geschafft haben: Lenya hat tapfer durchgehalten, brav im Anhaenger gewartet bis wir abfahrtbereit waren, Sonne und Hitze getrotzt, und immer wieder friedlich geschlafen, gelacht und ihre Stimme trainiert. Juri hat sich an den Atlantik durchgefragt, viel ueber die Welt gelernt und seine Beine trainiert. Angela hat nicht nur sich selbst, sondern auch Juri erfolgreich an den Atlantik balanciert. Hat dabei unendliche Warumfragen beantwortet, rundum die Uhr Trost gespendet, Geschichten erzaehlt, getreten, geschwitzt und gestrampelt. Wir alle haben gelitten, haben Berge versetzt, Ebenen durchschritten, Winden, Regen und Hagel getrotzt und jetzt sind wir bei Dir, Meer (geklaut und abgewandelt von “Juli”). Und das beste: 8 Wochen haben wir uns gegeben, in 5 haben wirs nun geschafft. Damit bleibt uns nun noch reichlich Zeit, die Kueste auf und ab zu cruisen.
Der Abend vergeht schnell. Wir sitzen gemuetlich beim Essen, als die Sonne den Strand, die Duene und uns in goldenes Abendlicht taucht. Wir sind immer gen Westen gefahren und haben damit die Zeit aufgehalten: als die Sonne verschwand war es bereits 21h, erst um halb elf bricht hier die Nacht herein.
Nun muss alles schnell gehen. Juri und Lenya haengen in den Seilen. Das Zelt ist schnell aufgerichtet im Pinienwald und die Sterne breiten sich schuetzend ueber uns aus.
Wir haben unsere Seelen eingeholt; sie haben sich einen guten Platz ausgesucht.
Die liebe Not mit der Ebbe und der Duene
August 5th, 2008 · 1 Comment
Tags: Allgemein
1 response so far ↓
1 Holger // Aug 8, 2008 at 14:24
Hey, Glueckwunsch Euch vieren zur erfolgreichen und fruehzeitigen Beendigung Eurer (Tor-??)Tour!! Drei Wochen herumgondeln an der Kueste habt Ihr Euch ja jetzt reichlich verdient
Ausser über die radlerische Leistung staune ich auch ob all der ausfuehrlichen Reisebeschreibung: Ist das wirklich alles mit dem Handy eingetippt?? Dann gibt es wohl zumindest fuer Flo neben ordentlichen Wadeln auch noch einen super-Daumen!!
Habe mich auch sehr ueber die Urlaubspost gefreut. Vielleicht hoeren wir wieder einmal mehr voneinander, wenn Ihr zurueck in Zuerich seid!
Bis dahin: Schoene Zeit am Meer et vive la France!
Holger
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