Heute finde ich endlich wieder Zeit zu schreiben, eine Woche ist es her. Wir sind weit gekommen, nur noch 200km zum Meer bei gerade mal Halbzeit. 900km haben wir hinter uns gebracht, unzaehlige Berge ueberwunden, Regen und Hitze ueberstanden. Die Reise ist zum Alltag geworden, also machen wir heute mal Urlaub und nehmen uns einen Tag frei am Pool.
Wir hatten noch einige Hoehenmeter gut und rollten durch einen offensichtlich alten, erhaerteten Lavastrom durch saftiggruene Landschaft nach Aurillac. Fast etwas wehmutig drehten wir uns immer wieder zum Cantalgebirge um und erwarteten uns nicht viel von der fuer uns verhaeltnismaessig grossen Provinzstadt Aurillac. Als wir dann aber direkt durch die beinahe endlosen Altstadtgassen fuhren waren wir positiv ueberrascht, Aurillac war viel ansprechender als der Wikipedia-Eintrag vermuten liess.
Nach einer laengeren Rast lim schattigen Stadtpark schwommen wir mit dem Feierabendverkehr raus aus der Stadt an grossen Einkaufszentren vorbei und fanden uns beinahe verloren in der gesichtslosen Vorstadt. Staedte koennen schon sein, Landschaft auch, Vorstaedte sind immer furchtbar und wohl eine Notwendigkeit, um den Staedten die EInwohner zu bechaffen, und die Traeume vom Eigenheim wahr werden zu lassen. Einfallslos werden die Strassen schachbrettartig oder auch nur an einem Strang ins Gelaende gefraest. Langweilige Haeuser, keine Geschaefte, kein Mensch auf der Strasse, kein Wegweiser, hier bin ich froh, dass ich mittlerweile TomTom GPS Navigation im Handy habe. Die Routenwahl ist fuer uns Radler unbrauchbar, aber de Datenbasis ist dafuer wirklich phenomaenal, jeder Feldweg ist verzeichnet und wir gehen in den Vororten nicht mehr verloren (wann knackt endlich ein Hacker die Software und fuehrt einen I-dont-care Modus ein, indem gnadenlos gegen alle Einbahnstrassen und Feldwege navigiert wird!).
So finden wir also hinaus in die Champaignaraie, eine Huegellandschaft suedlich von Aurillac und schlafen schoen versteckt hinter Hecken auf der Wiese mit gefuelltem Duschsack, also hoechste Komfortkategorie!
Am naechsten Morgen werden wir nicht von der Nockenwelle wie die Achterbahn, sondern von unserem Naehmaschinenpedaltritt in die Senkrechte gehieft. Wer nachts nicht schlafen kann und beim Suchen auf der Fernbedienung mal in den fruehen Morgenstunden bei Eurosport auf Tractor-Pulling gestossen ist, weiss wie ich mich gefuehlt habe: Ziehen von einer Irrelast bis der Motor platzt!
Nun, es hat sich gelohnt, wieder der Vergleich mit der Achterbahn: am Morgen steil hinauf und dann beinahe den ganzen Tag sanft bergab und die Hoehenmeter gut ausgenutzt. Wir stiessen auf eine fantastische Strasse, die sich dem Fluss La Ranche entlang schlaengelte. Als wir nach einer halben Stunde immer noch kein Auto gesehen haben, klingten wir Juri aus, und der freigelassene Motorradfahrer radelte gluecklich drauf los und beschalte das Tal mit seinen Lippen-Motorradgeraeuschen.
Noch kurz vor der Lagerplatzsuche wunderte ich mich ueber das unruhige Ruckeln des Anhaengers und mein Verdacht war richtig: nun sind wir nicht mehr pannenlos unterwegs sondern haben einen Platten zu verzeichnen. Der Schaden war schnell behoben und Juri half eifrig mit, fuer ihn war es ein Erlebnis. In der unmoeglichsten Gegend, Haupstrasse, Muelldeponie, folgten wir einem Campingschild in eine Oase: eine freie Zeltwiese mit Wasseranschluss und Tischen, Top-Komfortkategorie!!!
Der naechste Tag war anfangs etwas verkehrsreich, doch sehr bald trafen wir auf eine Radroute, die am Cele-Fluss entlang fuehrt. Ein ueberaus spannender Flusslauf, der sich ueber Jahrtausend zig Meter tief in den Kalk gefressen hat. Dementsprechend war unsere Fahrt verhaeltnismaessig schattig und kuehl.
Wenn wir schon mal hier sind, dachte ich, und wir verliessen den schattigen Flusslauf mit seinen zahllosen Burgen und Schloesschen und arbeiteten uns hoch in die Caussees. Caussee sind trockene Kalkflaechen, in denen jedes Regenwasser sofort versickert und sich eher Steppenbewuchs haelt. Schon nach wenigen Kilometern veraenderte sich die Vegetation schlagartig. Die Eichenwaelder verschwanden und wir waren von der Serengeti umgeben, die Loewen fehlten, heiss genug waere es gewesen.
Wieder half uns TomTom den unbeschilderten Pfad zu finden. Einfach unfassbar wieviel Schloesschen es hier gibt, es gibt Doerfer, die bestehen nur aus alten Burgen und Gutshoefen, einfach unglaublich. Und das scheinen neben uns vor allem Englaender, Hollaender und Belgier zu wissen, Franzosen gibt es hier immer weniger.
Am Ende unserer Kraefte machten wir uns auf zum Dolmen San Martin. Da ich Dolmen mit Doline verwechwelt habe mussten wir fast Lachen als wir uns nach all den Strapazen vor einer 20 Tonnen schweren Steinplatte auf verschiedenen Stuetzen fanden. Die Verweildauer an diesem “historischen Monument” ist in der Regel sehr kurz, alle Besucher, die wir sahen, schauten kurz hilflos und wussten ebenso wenig mit dem praehistorischen Bauwerk anzufangen. Wir wussten es und bauten kurzerhand unser Nachtlager auf. Strahlend leuchtender Sternenhimmel, tieforange Morgen- und Abendsonne waren der Lohn dafuer, diesen Ort mit Fahrrad und Anhaenger zu erreichen - der Eingang war ein paar Zentimeter zu schmal, so dass wir Lenya abkuppeln und ueber die Absperrung hieven mussten.
Wir hatten einen Bilderbuchmorgen, den wir ausgiebig fuer Fotoshootings nutzten. Lenya und Juri, Juri und ich, Lenya und Angela, Angela und Juri, Juri und ich und alle zusammen (Angela und ich fehlen in dieser Aufzaehlung, denn die Reise hat nun aber auch garnix mit Zweisamkeit zu tun, da passen unsere beiden Talibans schon auf).
Am naechsten Tag brachen wir unser Kalkwuestenabenteuer schnell ab und suchten wieder den Weg zurueck an die Cele. Es herrschte Bullenhitze. Wir fanden eine verschlungene Strasse hinter ins Flussbett an vielen Hoehlen vorbei und staunten abermals ueber die Schloesservielfalt. Bei Caberets konnten wir wieder einmal einen Gemeindezeltplatz nutzen, huebsch gelegen mit Badegelegenheit im Fluss. Ich sage Zeltplatz, weil hier zwar alle sanitaeren Anlagen vorhanden, aber nach wie vor Zelte die vorherrschende Gattung sind und noch nicht vom kastenartigen Weiss an den Rand gedraengt worden sind.
Voller Erwartung rollten wir die letzten Kilometer die Cele bergab bis sie schliesslich in den Lot muendet, dem sich auch der Jakobsweg anschliesst. Der Lot ist wesentlich maechtiger und sticht schon auf der Landkarte aufgrund der zahlosen Maeandern ins Auge, wie sich der Fluss ungewoehnlich gleichmaessig sinusartig hin- und her schwingt. Wir machten Rast an einer Schleusse. Juri und ich hatten riesige Freude, die komplett mechanischen Schleussentore auf- zu zu kurbeln und den Hausbooten so bei der Weiterfahrt zu helfen. Gut geschleust dauert das Prozedere vielleicht 20 Minuten. Da es aber, wie uns ein Familienkapitaen erzaehlt, alle 2km eine Schleusse gibt, ist der Hausboot-Urlaub sicherlich eine adaequate Alternative zu unserer Art der Entdeckung der Langsamkeit.
Unser Ziel war das verheissungsvolle Cahors, Haupstadt des Departements Lot, frueherer Bischofssitz und Etappenort des Jakobswegs. Wir gaben alles, schwitzten bei 35C, holperten ueber loechrige Strassen und dann diese Enttaeuschung. Bitte alle Reisefuehrer umschreiben, Cahors ist eine nette Stadt, aber nix besonderes. Die Bruecke, sicher nett, aber dafuer muss man nicht kommen. Noch mehr nervte uns die Suche nach einem Waschsalon, ein schwieriges Unterfangen, da bereits bei der ersten Rekursionstiefe der Wegbeschreibung mein Franzoesisch versagt.
Nix wie raus, wieder diese verdammten Vororte mit aufblasbaren Pools, Trampolins und Hunden in den hastig angelegten Gaerten, steile Kurzanstiege, sinnlose Umwege durch die Fahrradwegbeschilderung. Schliesslich fanden wir einen wenig komfortablen Schlafplatz: Eisenbahnlaerm, dass man glaubte, der Gueterzug fuehre direkt durchs Zelt, gewuerzt mit bestaendigem Lastwagenverkehr auf der Hauptstrasse. Dazu Gewitter, dass es nur so krachte, und Regen, dass es nur so prasselte. Doch ich war froh um den Regen, die Hitze war ja kaum mehr auszuhalten.
Der Morgen war schwuel und die Landschaft war zur Weingegend geworden. Ueberall Beschilderung zu Weinguetern und -proben, aber daran finden wir ja leider nix. Wen ueberhaupt, schmeckt mir der Traubensaft nur unvergoren.
Langsam wurden wir der wegverlaengernden Sinusschwingungen des Lots ueberdruessig und kuerzte einige Boegen ab. Doch diese Abluerzungen waren hart erkaempft. Zum einen kamen wir so mehr auf die Hauptverkehrsstrassen, die Bewunderung uns gegenueber nimmt stetig ab, wenn wir zum bremsenden Ueberholmanoever werden, zum anderen waren damit immer wieder kraeftezehrende Aufstiege aus dem Flusstal von Noeten.
Als wir eine Bruecke ueberquerten, ueberholte uns ein Autofahrer wild gestikulierend und wunk mich heran. Er war so begeistert von unserem Gespann, dass er uns zu sich nachhause einladen wollte. Und um uns das zu sagen, fuhr er uns extra nach, wie nett. Zu seiner Enttaeuschung lehnten wir ab, da wir nur ungern noch einmal zurueck ueber einen Berg fahren wollten.
Stattdessen gelangten wir wieder auf eine Nebenstrasse und baten an einem Anwesen um Wasser. Die Frau rannte ins Haus, wir wunderten uns und staunten nicht schlecht als sie mit zwei Flaschen unterm Arm und einem Sunkist fuer Juri wieder kam, so schoen!
Ich fand dann doch noch den Wasserhahn, Juri leerte mit Freude sein mindestens 10% gehaltiges Fruchtgetraenk und wir setzten unsere Fahrt fort. Nachdem die schoene Landschaft so verschwenderisch grosszuegig besiedelt und bewirtschaftet war, waren wir froh, einen Campingplatz zu erblicken. Ein kleiner Platz, aber grosszuegig angelegt, Zelte und Wohnmobile stoeren sich nicht im Blick. Juri freute sich ueber den Pool, wir ueber den gastierenden rollenden Pizzabaecker. Waeren wir Englaender und all die Hollaender hier Deutsche, bekaemen wir sicher vor Gericht Anspruch auf Entschaedigung zugesprochen. Nein, es ist andersherum: Das aeltere Ehepaar neben uns, bereits zum vierten Mal hier auf der Suche nach Ruhe, ist sicher froh, wenn wir morgen nicht noch einen weiteren Ruhetag einlegen.
Und ausserdem: Wir wollen ans Meer, nur noch 200km!
Flussabwaerts, und doch immer wieder aufwaerts
Juli 31st, 2008 · No Comments
Tags: Allgemein
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