Soll ich treten oder nicht

Die ganze Familie (Angela 30, Florian 33, Juri 4, Lenya 8 Monate) mit dem Velo unterwegs von Zurich zum franz. Atlantik

Nach Frankreich geschwemmt

Juli 7th, 2008 · No Comments

Wir fuhren, ja rasten fast, mit bester Laune an der Aare entlang, legten eine Rast am mittelaterlichen Staedtchen Bueren ein und genossen eine gute Zeit in einer Badi in Biel. Der Uferweg am Bielersee bietet eine schoene Abwechslung zwischen Dschungelfahrt und Dorfdurchquerungen. Die Dauercamper haben die Campingplaetze regelrecht zugeschlichtet, nur durch Stapeln liesse sich die Dichte noch erhoehen. Da ziehen wir doch ein wildes Lager lieber vor. Die Suche ist diesmal nicht einfach, da entweder das Ufer bebaut bist oder Naturschutzgebietsschilder Zelten mit 500CHF bedrohen - was fuer ein Hohn angesichts der zahllosen Ferienhaeusern im Schilf mit Privatzufahrten…
Wir wechseln zum Neuenburger See, verirren uns in einer Strafanstalt, koennen aber noch rechtzeitig nach Yverdon entfliehen. Die Fahrt am Uferweg geht durch dichten Regenwald und bald setzt auch schon der Neuenburger Monsun ein. Es ist grotesk, aber gerade jetzt fordert Juri einen Halt am Spielplatz und laesst sich vom Schaukeln nicht abbringen. Er geniest es sichtlich wie ihm die Regentropfen ins Gesicht schiessen. Der Regen wird staerker, unheimlich stark. Lenya schreit, Juri will nun auch in den Anhaenger, Lenya schreit, Juri schreit, der Regen faellt in den offenen Anhaenger hinein, schnell muessen wir alles gut verstauen, um unseren beiden All-Inclusive-Passagieren eine angenehme Weiterreise garantieren zu koennen. Freilich fahren wir nun auch noch auf Schotter, den unseren Reifen Schaufelradbaggern gleich uns um die Ohren schleudern. Radfahren bei Sonnenschein kann jeder. Wir rasen voran, gruessen Kollegen im Gegenverkehr, ueberholen ein Paerchen, das hilflos unter einem Baum Schutz sucht.
Wir leiden weiter, Lenya leidet anscheinend noch mehr, mokiert sich ueber all die Sachen, die sich in der Eile chaotisch um sie gescharrt haben. Da - ein Hafenrestaurant, wie geschaffen fuer uns: der grossen ueberdachten Terasse bietet unser gesprenkelter Konvoi keinen schoenen Anblick, dafuer ist nun Zeit zum Abtropfen. So kommen wir zu saftigen Steaks waehrend sich weiterhin verschiedene Wolken ausschuetten.
Schliesslich nutzen wir nach bald 3h Rast, die wie im Flug vergingen, die Gunst der Stunde und werden nach Yverdon ins Gite Du Passant geschwemmt.
Es gibt viel zu tun: Auspacken, Duschen, Waesche waschen, Lego Spielen, Trocknen, Akkus Laden, Kochen. Ein wunderbarer Ort, Waschmaschine und Trockner schlucken unsere Kleidung und spucken sie sauber wieder aus. Wieder vergeht die Zeit, wir sind so mit dem elementaren Leben beschaeftigt, das der Stadtbummel ohne Kummer ausfaellt.
Naechsten Tags klart der Himmel etwas auf, kraeftiger Westwind blaest weiterhin Wolkenfelder ueber den Jura, nur kurzzeitig spitzt die Sonne durch. Mir verdrehts den Orientierungssinn, der Kompass klemmt, nur muehsam finden wir aus Yverdon hinaus. Ich nehme es persoenlich und bin fuer kurze Zeit unausstehlich.
Wir kommen nach Orbe und decken uns im Nestlefabrikverkauf ein, unglaublich die ganze Nahrungswelt ist Nestle. Nach einer schoenen, aber windigen Zeit auf der Burg - Juri faellt noch von der Schaukel, er liess los und wollte was zeigen, aber mit Helm - geht uns nun hinauf. Wir nutzen die kleinsten Kettenblaetter waehrend Juri und Lenya hinter mir schlumernd die Deichsel zum quietschen bringen. Lenya wird wach, wir verschnaufen und werden bei einem Schullandheim mit einem grossen Humpen Sirup und Keksen ueberrascht.
Nun ist es nur noch ein kurzes Stueck. Hoechst illegal - wenigstens schildert es uns das eine Dorfbewohnerin so, als ich nach dem Weg frage -ueberschreiten wir zwischen Wald und Wiese die Grenze. Frankreich ist hier keine Augenweide, geschmacklose Haeuschen saeumen den Weg, spaeter erklimmen wir die letzten Hoehen des Tages in Jouane, einem verblichenen Wintersportort , in dem letzte Buchstaben an den Haeuserfassaden besseren Zeiten nachtrauern. Wir sind in Frankreich im Hochjura angekommen.

Tags: Allgemein

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