Es gibt nichts schoeneres als an einem himmelblauen Morgen von den Sonnenstrahlen geweckt zu werden. So sitze ich gerade in der Morgensonne und verfasse diese Zeilen.
Wir sind wieder gutes Stueck vorangekommen. Nach unserem Ruhetag in der Gite im Nirgendwo erklommen wir luftigen Hoehen in Richtung Col du Beal, unser erster Kontakt mit dem Massif Central. Ein bischen wie Schwarzwald und doch ganz anders: unermesslich riesig erstreckt dieses Mittelgebirge mit unzaehligen Bergketten gesaeumt von schoenen Steindoerfern. Die Sonne brannte unerbittlich und ohne ein Fleckchen Schatten waren wir der Sonne hilflos ausgeliefert. Wenigstens reichte uns das Wasser bis St. Georges (so heist hier uebrigens jedes dritte Dorf), wo wir wieder auffuellen konnten.
Die Strassen sind ein Traum. Es herrscht kaum Verkehr, wir haben die Strassen fast fuer uns. Kommt dann doch mal ein Auto, es ist paradox, kommt immer auch eines von der Gegenseite. Freundlicherweise rammen sich die Autofahrer aber lieber selbst im Millimeterabstand und halten immer 2-3m Abstand von uns. Nach wie vor sind die Leute sehr verhalten, Einzelne hupen und feuern uns an. So wie die beiden Kaminfegern mit ihren Handykameras, das motiviert und bleibt in Erinnerung. Die Steigungen sind fuer uns Schwerlastfahrer gerade ertraeglich, 1000 Hm verteilt auf 20km ist fuer uns bestens, bergauf wie bergab.
In Chalmazel koennten wir zur Freude Juris eine bestens erhaltene Burg in Privatbesitz besichtigen. Gerne haetten wir auch dort uebernachtet, doch leider war schon ausgebucht. Uebrigens: falls jemand einen besonderen ort zum Heiraten sucht, das ist die Gelegenheit.
Wir trafen es auch gut, fanden in all dem bewirtschafteten Berggelaende ein romantisches Nachtlager auf flauschigem Grasbett. Wir konnten sogar unseren Duschsack fuellen, also rundum perfekt. Fast, winzige Beissmuecken setzten uns dann unter Quarantaene im Zelt.
Der Morgen war mal wieder eher verregnet, auf der Hoehe auch einigermassen kalt, kein Sonnenschimmer sichtbar. Das Aufstehen und Packen fiel uns schwer. Der Aufstieg zum 1390m hohen Col du Beal machten uns wieder warm. Auf der Hoehe war es wie im Hochgebirge. Nebelschwaden verschlangen die kahlen Bergruecken und tauchten die Landschaft in ein dramatisches Licht. Herrlich dramatisch.
Wir erreichten den Pass. Nach unserem Start von 300m Hoehe wird unsere Freude verstaendlich. Angezogen von der einladenden Bauweise des Gites am Pass liessen wir uns mit Koestlichkeiten aus der Region verpflegen und ich verstand mit einem Mal was mit Essen-wie-Gott in Frankreich gemeint war.
Wir hatten keine Lust bei der 800 Hoehenmeter in die Tiefe treibenden Abfahrt all den Niesel in uns aufzusaugen und vebrachten nach gerade mal 6km Fahrt die Nacht dort.Es gab reichlich Spielzeug fuer Juri und Lenya, die Vorzuege von Tisch und Stuhl fuer uns und ueberhaupt ein mit Liebe gepflegter Ort. Das ist ueberhaupt das Schoenste an unserer Reise: Entdeckungen und die Freiheit, sie nach Lust und Laune geniessen zu koennen - oder wie Juri sagt “wann tun wir wieder ein neues Haus finden und dort schlafen?”.
Das Warten hat sich gelohnt. Am naechsten Tag waren die Wolken weggeblasen und Schoenwetterwolken wiesen der Sonne den Weg zu uns. In eisigkalter Morgenluft zwar ging es bergab, dann im naechsten Gebirge, Livradois, wieder hinauf. Schoen sanft, so schoen, das ich erstmals mit Juri und Lenya im Gepaeck auf meinem mittleren Kettenblatt fahren konnte, ja, so bewerte ich mittlerweile die Anstiege. Wieder, nach unseren Eindruecken aus dem Flachland, waren die Bergdoerfer urtuemlich und belassen und erzaehlten von der Beschaulichkeit aus einer anderen Zeit. Huebsche Steinhaeuser, stolze Kirchen, nur die Leute verstecken sich. Wir fanden einen ungewoehnlichen Schlafplatz, einen aufgegeben Fussballplatz mit mannshohem Gras.
Und so liege ich hier in der Sonne und frage mich, ob das Weiterfahren ueberhaupt lohnt.
Sanftes Auf und Ab im Massif Central
Juli 19th, 2008 · 1 Comment
Tags: Allgemein
1 response so far ↓
1 Murmel.Tier // Jul 21, 2008 at 13:26
Verfolgen gespannt die Tour de Force und halten Euch im Kampf gegen die “Indigenes” die Daumen. Solange Ihr von diesen gefüttert werdet, brauchen wir uns ja keine Sorgen zu machen. Kritisch wirds, wenn sie gemeinsam konspirativ soupe au choux und rouge schlürfen und Euch nix geben. Dann könnte Juri mehr Gefechte sehen, als ihm lieb ist.
In diesem Sinne: Allez enfants du velo !!! On est avec vous ! Bisous de Anneli et Tina et Stefan
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