Mobile Bandbreite gibt’s mittlerweile fast ueberall. Das ganze ge-internete frisst mir aber staendig die Batterien leer (und wahrscheinlich auch den Geldbeutel, aber das sehe ich erst noch). So sitze ich also gerade am Toilettenausgang mit Stromadapter in der Wand auf einem Zeltplatz vor Aurillac in den Cantal-Bergen.
Unsere Hoffnungen wurden bestens erfuellt und wir durften mit warmen Sonnenschein auf ueber 1000m Meereshoehe erwachen. Nichts als blauer Himmel um uns herum, was fuer ein fest. Wir waren umgeben von endloser Weite, archaischen Gehoeften, riesigen Weidefeldern und Sonne und blauem Himmel. So stelle ich mir den Sueden Chiles vor. Ganz, ganz weit hinten am Horizont konnten wir den Puy Mary erahnen, ein Vulkanmassiv, das wir uns spaeter noch genauer unter die Raeder nehmen sollten.
Wir fuhren auf der Hoehe flach dahin, wobei flach hier schon 100m rauf, 100m runter hiess. Egal, die Landschaft war jede Schweissperle wert.
Einmal ersteilte sich die Auffahrt beinahe in die Senkrechte, wie die Anfangsaufzugsstrecke bei der Achterbahn. Dann wurde wir wieder mit rasanten Kurven, Huegeln und Steinhaeusern belohnt. Bald endete die digitale Landkartenkopie auf meiner Kamera wir fuhren durchs Nirvana. Bis Alanche konnten sich so vor mir noch einige Zwischenpaesse verstecken.
Nach einer laengeren Kaffeeeispause nahmen wir uns noch weitere Hoehenmeter vor. Gleich einem 3D-Flug glitten wir nun auf 1200Hm voran, bis einer Veloroute folgend ein sonniges Versteck bei Strohballen fanden. Die Luft war klar, Fliegen gab es keine, Juri konnte in der Abendsonne Fussball spielen, und unser Zelt bat guten Schutz vor der einsetzenden Kaelte.
Am naechsten Morgen warteten wir wieder die ersten Sonnenstrahlen ab, die uns den Tau vom Gras und das Kondenswasser vom Zelt wischen. Es ist immer schwieriger Kompromis zwischen Lagerplatz mit langer Abendsonne und frueher Morgensonne. Doch hat sich ueber die Zeit die Morgensonne als nuetzlicher erwiesen: das Aufstehen faellt leichter, das Fruehstueck verlaeuft ausgeruhter, unser Hab und Gut trocknet besser, und wir kommen schneller los. Doch hier oben ist das alles Einerlei: kaum Hindernisse die Sonnenstrahlen abschirmen.
Wieder so ein herrlicher Morgen, ein starkes Hoch haelt jede Wolke von uns fern. Wir pokern hoch und steuern den 1588m hohen Pass Peyrol an, der am Fusse des 1750 Puy Mary liegt, noch laesst sich die schroffe Vulkanerhebung erst erahnen.
Die schmale Strasse teilen wir uns mit einer Reihe motorisierter Touristen, sehr viele davon in grossen Wohnschiffen. Etwas nervig, da fuer Wohnmobile von 12-24h die Auffahrt eigentlich verboten ist, hier aber keinen kuemmert.
Die kahlen Bergruecken sind von eine tiefgruenen Flora bezogen, so dass die Konturen markant zum Vorschein kommen und fast ein wenig an das gruene Pulver von Modelleisenbahnen erinnern. Die vielen Namen auf der Strasse sind stille Zeugen einer frueheren Tour de France Etappe durch dieses Idyll. Nach einer letzten Mittagsrast am Col du Serre machen wir uns bereit zum Gipfelsturm. Die immer steiler werdende Auffahrt fuehrt uns vor Augen, dass auf den letzten 1.7km noch 165 Hoehenmeter liegen, also knapp 10%. Nachdem sich die Strasse hier in steilen Spitzkehren nach oben schraubt siehts richtig dramatisch aus. Von der Sonne in den Autos weichgekocht, gehen die Muender der Autofahrer nicht mehr zu als sie erst Angela mit Juri im Schlepptau und dann mich mit meinem Tretzug erblicken. Ich muss in den ersten Gang schalten, bin kaum mehr schneller als ein Fusgaenger, als meine Fuesse wie Naehmaschinnadeln pedalieren - es dauert einfach, aber wieder ist das 12/34 Nanodrive der Schluessel zum Erfolg. Wir fahren quer durch die Vulkanfelswand als uns immer wieder Autofahrer anfeuern.
Endlich oben angekommen, hier sind alle versammelt, bekommen erst Angela und Juri, dann Lenya und ich nochmal gesondert grossen Applaus. Allerdings auch ein mittlerer Schock in diesem nach Parkplatz suchendem und rangierendem Blechgetuemmel beinahe eingesperrt zu sein.
Juri treibt und will unbedingt noch zu Fuss auf den Puy Mary. Hohe Betonstufen machen den Aufstieg rutschsicher, aber es ist in jedem Fall ein kraeftiger Marsch, wie bei der Polonaise kann man den Vordermann fast an den Schultern fassen. Nachdem sich Juri beim Radfahren vor allem verbal mit seinen endlosen Fragen nach der Welt verausgabt, hat er von uns allen noch am meisten Reserven. Lenya sitzt bei Angela im Tragetuch am Bauch und Juri loechert mich, ob diese steilen Stufen auch noch ein Traktor, Lastwagen, Motorad, Gelaendemotorad, Raketenmotorad hoch und runter kaeme. Seine Augen leuchten bereits seit einigen Wochen, wenn er sich sein spaeteres Leben als Rennmotoradfahrer ausmalt, seine Lippen vibrieren vornehmlich als imaginaerer Motor wenn er auf dem Rad sitzt. Um das Glueck perfekt zu machen, wuenscht sich Juri einen Schnurrbart, und zwar “einen echten, keinen Faschingsschnurrbart zum Hinkleben”. Dann folgt immer wieder die obligatorische Frage, ob “die Lisa”, ein Nachbarsmaedchen von uns, offensichtlich seine neue Flamme, “dann Angst um mich hat?”.
Die Aussicht vom Gipfel ist atemberaubend, ein bischen wie Island bei Sonnenschein, doch Nichts ist vergleichbar. Wir teilen die Ausicht mit vielen anderen, doch gibt es genuegend fuer alle, volle 360 Grad Rundumsicht bei bester Fernsicht, ein Fest. Wir freuen uns schon, als wir den Strassenverlauf unserer folgenden Bergabfahrt ins Jounane-Tal mit den Augen abfahren koennen. Spaeter auf dem Rad wird es das reinste Vergnuegen, “den Berg moecht ich noch dreimal hochfahren”, meint Angela. Rasant geht’s bergab, schon zu Beginn unserer Fahrt habe ich mir 32km/h als Spitze gesetzt, im Freudentaumel werdens manchmal etwas mehr. Wie ein Lastwagen bremse ich Intervall, im Gegensatz zur Eisenbahn, kann bei meinem Zug nur die Lok bremsen. Wir legen ein paar Bremsenpausen ein, meine Bremsscheiben zischen laut auf als ich sie mit Wasser kuehle. Auch Angela mus aufpassen, dass sie nicht ihre Schlaeuche durchschmort, obwohl Juri fleissig mitbremst. Klingt etwas dramatisch, kennt aber jeder Mountainbiker, vielleicht in etwas milderer Form.
Lenya schreit und hat Hunger und so spuelt uns der Zufall zu einem netten Zeltplatz, der erst der schattige Fuetterplatz fuer Lenya, dann unser Nachtlager wird.
Sternenklarerhimmel ueber mir, schon die dritte Nacht, was fuer win Glueck in diesen unsteten Kontinentalklimabreiten, wir haben wohl alles richtig gemacht.
Sonnige Hoehen - Wir haben alles richtig gemacht
Juli 24th, 2008 · No Comments
Tags: Allgemein
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