Soll ich treten oder nicht

Die ganze Familie (Angela 30, Florian 33, Juri 4, Lenya 8 Monate) mit dem Velo unterwegs von Zurich zum franz. Atlantik

Spannung bis zum Schluss

September 9th, 2008 · 1 Comment

In den letzten Tagen passierte nochmal mehr, als wir erwartet hatten:

Wir brachen unsere Zelte in einem Wechselspiel aus Sonne und Nieselregen ab, Cornelia pokerte richtig und gewann damit unseren morgentlichen Zweikampf, wer seine Zelt wohl trockener in die Packung kriegt.

Wir rollten die endlosen Kilometer, die selbst TomTom als Strasse verzeichnet hat, aus der Campingwelt heraus. Eine Welt die so gross ist, dass diese in Zonen von eins bis vier unterteilt ist, die bei Ankunft je nach Lage des Platzes angefahren werden muessen. Bei unserer gestrigen Ankunft hoerten wir unsere Namen schon aus dem Funkgeraet des Einweisers in der roten Weste, der uns dann freundlich an den Platz lotste. Abends kommt dann das Elektro-Taxi und bringt die Gehfaulen in die Camper-Bar, -Disco, -Turnhalle, -Fussballhalle etc. Das Animationsprogramm ist vielfaeltig und kreativ. Doch brachen nun auf zu unserer letzten Etappe, so dass der aufregend abenteuerlich klingende Animationsevent “Walking in the forest” ohne uns stattfinden musste.

Anfangs fuhren wir noch auf Radwegen, dann ab Escalus navigierte ich etwas verzweifelt auf eine Schotterpiste, die uns hier als einzige Alternative zur viel befahrenen Hauptstrasse auf Kurs Richtung Dax hielt. Dieses wilde Geholper kurz vorm Ziel auf der rauhen Unterhaltspiste einer Hochspannungsleitung war das letzte Abenteuer was wir jetzt noch brauchten. Mit Schrecken rief sich bei mir der sich in der Aufloesung befindliche Reifen des Gepaeckanhaengers in Erinnerung. Vergeblich versuchte ich diesen Reifen ersetzt zu kriegen, doch die Sondergroesse 20 PLUS 1 3/8″ fuehrt kein Radgeschaeft in Frankreich. Kurzum, es ging gut. Dennoch verzichteten wir auf weitere 20km Steinflug, auch unsere Reisegeschwindigkeit fiel hier rapide auf 12 km/h ab, zugunsten der Schnellstrasse, auf der wir mit der doppelten Geschwindigkeit zu einer Speisung flogen, die wir nicht so schnell vergessen werden.

In Magesq liessen wir uns verleiten, waren der Suche nach Supermarkt und Schattenplatz muede und setzten uns einfach in die Dorfkneipe. Ein Erlebnis. Das Personal unterliess jede Form der Freundlichkeit, die Waescheberge tuermten sich in der Gaststaette und bedient wurden wir lange Zeit nicht. Beim Essen verstanden: die konzentrieren sich aufs Wesentliche, keine Geschwaenzel, kein Geschwaetz, dafuer ein Mahl das nach Adjektiven ringt und von mir doch nur hilflos mit einzigartig, fulminvat, bravouroes, genial, ein Gedicht, in Worte gegossen werden kann. Schon beim ersten Schnitt als das Messer ins medium Entrecote glitt, die Gabel in das spritzige Gaumengold stoch, stellten meine Geschmacksnerven auf Empfang und wurden zu einen ekstatischen Freudentanz entfacht. Es war herrlich. Sicherlich war meine Begeisterung auch beguenstigt durch unsere gewohnt fleischlose Kost, die vor allem aus einem bestand: Nudeln, Nudeln und Nudeln.

Nach so einem Sinnesfeuerwerk mussten wir die Zaehne noch ein letztes Mal zusammenbeissen, um im Verkehr in Frankreichs zweitbedeutesten Kurort Dax zu fahren. Beim Anblick des verdreckten Sees und den Hotelkloetzen moechten wir keinen weiteren Kurort mehr sehen. Erstes Ziel war der Bahnhof zur Gestaltung der Rueckreise. Die herumhaengenden Besoffenen in weisser Kleidung mit rotem Stierkampfhalstuch liessen nichts Gutes erahnen. Die Feria de Dax, ein Trinkfest so bedeutungsschwer wie das Oktoberfest, zieht viel Volk an, und das muss An- und Abreisen. Der nette aber hilflose SNCF-Verkaeufer schlug die Haende ueber dem Kopf zusammen: “Was soll ich tun, was soll ich tun, alles ausgebucht, Dax-Genf fuer die naechsten zwei Wochen, Sie wissen, Feria de Dax!”

Sein Kollege pflichtet ihm bei, ja Fahrraeder, das ist immer schwierig! Da haben wir’s, was wir uns immer dachten: Zurich-Dax mit dem Velo, ein kleiner Schritt fuer uns, ein grosser Schritt fuer die Eisenbahn. Doch fliegen mit unserem Zeug, hoechstens mit einer Transall…

Naja, der Mann schwitzte ein wenig, fand dann aber eine Loesung, die ich Angela und Cornelia erst noch unterbreiten musste: “heute geht nix mehr, aber dann morgen Mitternacht, juhu!, nach Paris, Velostadtrundfahrt von Gare de Austerlitz nach Gare de l’Est, Stuermung des TGVs mit unserem bescheidenen Handgepaeck und ab nach Zurich.” Also Spannung bis zum Schluss.

Es ging, weil es musste, und es ging erstaunlich gut, vorerst. Wir eines ruhigen Campingplatzes, jedes freie Stueck Wiese war belegt, Zelten, Besoffenen und Koerperausfluessen, aber auf dem Campingplatz waren wir davor sicher und kamen in den Genuss eines letzten ausgedehnten Ruhetags vor allem zur Begeisterung Juris mit Pool.

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Wir sahen auch noch die Stadt, die man nicht gesehen haben muss, und machten uns dan zu spaeter Stunde auf zur Abfahrt. Ein guter Mann am Campingplatz, der mit seinen Begleitern einer Zeitmaschine entstiegen schien und Urlaub wie >Herr Tati< in den 20ern machte, verabschiedete uns herzlich und gab uns Erdnuesse und eine entsetzliche Troete fuer Juri mit auf den Weg. Wir hatten etwas Muehe das Troetenverbot im Nachtzug durchzusetzen.

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Eine Stunde vor Zugabfahrt standen wir bereit, ich gewann gerade noch rechtzeitig den Kampf gegen eine rostige Schraube, so dass wir unseren Convoi Exceptionel erfolgreich in den Nachtzug pferchen konnten, die Horizontale war schnell genutzt, die Vertikale sehr hilfreich.

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Um 7h morgens in Paris dann alles rueckwaerts wieder aufgebaut und wir rollten siegestrunken an der Seine entlang zur Notre Dame Kathedrale. Etwas seltsam schon so exotisch diese Stadt zu bereisen, doch der Tag war noch jung, und des Buergermeister Ziel, Paris zur Fahrradmetropole zu gestalten, zeigt erste Fruechte: abgeflachte Bordsteine, freigegebene Busspuren fuer Velos, umgeben von Geschaeftsleuten in Anzuegen auf den futuristische >Velo Libre< Leihraedern, erfreulich unerwartet.

Dann das: Juri kruemmte sich vor Schmerz auf seinem Fahrrad, konnte nicht mehr Sitzen noch Stehen, schrie auf. Im Anhaenger kam er etwas zur Ruhe - wir sahen uns ratlos an. Im Cafe direkt am Ziel, Gare de l’Est, in 2h Zugabfahrt, in 4,5 weiteren Stunden, die Heimat vor Augen…wir schafften es nicht. Angela stiegen Traenen in die Augen, sie fluesterte “Leistenbruch”, jetzt musste alles schnell. Erstmal die Fahrraeder los werden. Doch dafuer ist eine Stadt nicht gebaut. Hotels gab es viele, aber die wollten keine Velos. Beim dritten Anlauf die Rettung. Ein Hinterhof, mit Baustellenlaerm, es staubte, Steine flogen, aber etwas Platz im Wendebereich des Gabelstablers. Der Libanese war freundlich erzaehlte mir stolz, wir seien die ersten Gaest nach dem Umbau, mir egal, keine Zeit, Zimmer ueber dem Sexkino genommen.

Lola rennt, Cornelia muss in 30min zum Zug nach Stuttgart, sie haelt Lenya und schiebt mit mir unseren Konvoi zum Libanesen, dem etwas mulmig wird, als er sieht, wie gross meine zuvor bescheiden geschilderten “deux velos”. Der Gabelstaplerfahrer ist erfahren rast im Zentimeterabstand dran vorbei, egal, keine Zeit. Wir raeumen das Cafe, Blitzabschied von Cornelia, Traenendruesen gespannt, keine Zeit, Wege trennen sich, Taxi, “lospital pur ofos”, endlich da.

Juri beruhigt sich, wie der Banlieu entstiegen, verschwitzt, verschmutzt, uebermuedet, mit blau-weiss-roter Netztasche begruessen wir den Arzt. Ein guter Mann, mit zwei Riesengehilfen, die Tueren schliessen, Angela ist drinnen bei ihm, ich mit Lenya draussen, Juris entsetzliche Schreie dringen durch die Schalldichte Tuer. Alles gut, kein Leistenbruch, wir warten lang, dann wissen wir Bescheid, nichts, was man sofort operieren muesste.

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Wir liegen im Hotelzimmer rum, durch die Belueftung dringen Laute aus dem Sexkino, was haben wir Gluecke gehabt, dass uns das nicht in der gruenen Landschaft passiert ist, was fuer ein Pech, dass es nicht einfach ein paar Stunden spaeter in Zurich losging. Nein, schon Glueck gehabt.

Wir wirken skurril und exotisch am Hochgeschwindigkeitsbahnhof Gare de l’Est, durch den sich Reisende mit leichten Rollkoffern wusseln. Fortschritt, Wichtigtuerei und Rueckschritt, erst 20 Minuten vor Abfahrt wird das Gleis bekannt gegeben, obwohl das doch taeglich dasselbe ist. Wir muessen schnell im Zusammenfalten, der Schaffner hat Angst, seine Hinweis auf die aberwitzigen Gepaeckfaecher wirkt angesichts unseres 130l Sacks kafkaesk. Es geht, ohne Sturheit geht es immer, wir sind drin und fliegen mit 300 km/h nach Zurich. Genau wie fliegen, dafuer verfiel auch gestern unser Ticket und brauchten fuer heute ein weiteres, vielleicht erweicht unsere Geschichte aber noch die SNCF-Beschwerdestelle.

Zurich, ein letztes Mal alles aufsatteln. Unsere untervermietete Wohnung konnte ich auf der Fahrt schon per SMS freiraeumen, also keine weiteres Campieren um Zurich bis zum 31. August.

Angela und ich warten noch auf den Zuricher Polizisten, der uns Fahrt mit unserem illegalen Velozug verbieten will, denn “erlaubt ist, was nicht stoert”. Wir stoeren anscheinend sehr den Feiertagsverkehr, Hupen, dichtes Vorbeifahren, wir sind wieder in der friedlichen Schweiz, von allen Kriegen verschont, ausser dem auf der Strasse. Der Polizist kommt nicht.

Die letzte Steigung, allzu bekannt, dann stehen wir vorm Haus und fuehlen uns herzlich willkommen zurueck zuhause. Lieben Dank, liebe Nachbarn fuer diesen herzlichen Empfang! Danke auch Euch lieben Lesern, war uns eine Freude, Euch mit dabei gehabt zu haben auf den letzten 49 Tagen.

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Tags: Allgemein

1 response so far ↓

  • 1 Rene // Okt 1, 2008 at 13:23

    Hallo,

    herrlicher Bericht und tolle Bilder. Vielen Dank für diesen (Kopf-) Ausflug nach Frankreich!

    Gruß

    René

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