Juri hatte sich so an den Pool vom Camping-Platz gewoehnt, dass er am naechsten Morgen vor der Abfahrt unbedingt noch einmal reinhuepfen wollte. Es war wirklich wieder so heiss, dass wir alle nochmal gingen. Dementsprechend kamen wir erst nach 12h los, fast eine Dummheit bei der Hitze.
Wir fuhren noch ein letztes Stueck am Lot entlang, als wir dann eine gammlige Stadt hinter Fumel durchfuhren, ununterscheidbar von einer Favella im Nordosten Brasiliens, und uns in den Weiten des Hinterlandes fanden. Die Landschaft war belanglos, nicht haesslich, aber auch nicht gerade bemerkenswert. Es gab einfach keine Hoehepunkte, kein Ziel, das machte die Fahrt muehsam und schwerfaellig. Eskimos kommen mit Eiseskaelte wunderbar zurecht, koennen sich aber furchtbar im Nasskalt um die Nullgradgrenze in Kopenhagen erkaelten. So ging es uns, waehrend die vergleichsweise langen Anstiege im Massif Central berechenbar waren, zermuerbte uns das endlose Auf und Ab beinahe. Dazu war es knallig heiss, kein Ort, sofern ueberhaupt welche kamen, lud zum Verweilen ein. Das Land ist schrecklich zersiedelt, schnell gewachsene Schmalbudgetvillen mit grossen Gaerten verschwenden viel Flaeche und lassen keine schoenen Ortszentren zu. Die Fahrt war genial, um unsere auf Hochgenuss eingestellten Gemueter wieder reinzuwaschen und auf Normalnull zu kallibrieren. Egal, wie ich mich auslasse, all den Belgiern, Hollaendern und Englaendern scheints immer noch schoen genug zu sein, sie sind weiterhin fleissig unterwegs.
Ich bin am Ende, von der Sonne weichgekocht, von den Huegeln aufgearbeitet, lege ich mich im naechsten Schatten auf den Boden. Ich pumpe mich mit Sirup vol, verschlinge Muesliriegel und der Motor springt noch einmal an. Wir schleppen uns noch nach Cancon, verfluchen den im Tal gelegenen Campingplaetz, finden dann aber in den letzten Abendsonnenstrahlen am Pool wieder zurueck in die Urlaubsstimmung.
Wir haben den ganzen Tag so geschwitzt, dass wir beschliessen, heute die Nacht mal nur im Innenzelt als Fliegenschutz ohne Aussenzelt zu verbringen. Erst war es angenehm, dann erwies es sich als schwerwiegender Fehler. Wir hatten gegen goldene Zelterregel verstossen, immer gegen Regen gewappnet zu sein! Ich erwachte also spaet nachts und vernahm dieses leise grossflaechige feine Rascheln. Verflucht! Angela sammelte schnell die Kleidung von der Leine ein, und ich lernte, dass es moeglich war, das Aussenzelt auch nachtraeglich uebers Innenzelt werfen zu koennen. Unsere First-Class Gaeste bekamn von alledem nichts mit. Nun, haetten wir auch so fest geschlafen, wir haetten auch nichts gemerkt, denn der Regen verschwand sehr bald wieder. Aber wir wurden mal wieder daran erinnert, nicht mit der goldene Regel zu brechen, Verstoesse gehen nur bei absoluter Windstille und wolkenfreiem Himmel straffrei aus.
Fuer den naechsten Morgen stelte ich den Wecker auf 7 Uhr. Wir wollten nicht laenger Anschauungsobjekte einer aussterbende Gattung fuer die Containerbewohner sein und brachen seit langem mal wieder vor 10 Uhr auf. Trotz aller Routine brauchen wir eineinhalb bis zwei Stunden zum Zusamenpacken.
Stefan, der als Radiologe schon schon viele Gehirne besichtigt hat, sagt die Seele reise mit 80km/h. Das koennte also Grund dafuer sein, dass wir uns alle nach langen Autofahrten, Zug- und Flugreisen etwas daneben fuehlen, die Seele ist noch unterwegs. Bei uns ist es andersherum: unsere Seelen baden schon lange in der Bucht von Arcachon. Und nun rufen die Seelen ihre Koerper zu sich. Deshalb wollten wir heute Gas geben.
Keine Sonne, bedeckter Himmel, was fuer eine Wohltat. Es lief besser als gestern. Die Schmalspurvillen wandelten sich in Bauernhoefe, Strohlballen saeumten den Weg. Wir fanden wieder kleine Strassen und das einzige Motorengeraeusch weit und breit kam wieder von Juris Lippen. Wir waren wieder froh, beneideten aber ein wenig unsere badenden Seelen.
Die Mittagspause war kurios. Das Dorf Verteuil war so klein und abgeschieden, das auch die letzte Bar zu gemacht hatte. Kurioserweise uebernahm nun der Supermarkt die Funktion dadurch dass am Eingang Stuehle und Tische zu freien Verwendung standen. Also ein Selbstbedienungsrestaurant mit Ladenregalen, absolut nachahmenswert. Ich habe ja schon desoefteren darauf verwiesen: nach Waser ist Sitzen am Tisch der groesste Luxus, den es gibt!
Wir drueckten fleissig weiter auf die Tube und da war sie dann endlich, die Ueberfahrt der Garonne, vom Meer nur noch 150km entfernt!
Wir freuten uns riesig, neben der maeandernden Garonne den geradlinigen Kanal mit geteertem Radweg zu finden. Endlich konnten wir Juri wieder frei lassen, wenngleich es fuer Angela eine staendige Zitterpartie war, den kleinen Rennmotoradfahrer auf der Piste zu halten, statt ihn abgelenkt in den Kanal rollen zu sehen…
Lenya genoss dann auch noch gutes Stueck im Sitz bei Mama hinterm Lenker, dass ich mir mit meinen leblosen Anhaengern bald einsam vorkam. Es war eine schoene Fahrt, und dazu wie ein Stueck Autobahn fuer uns, 20km in einer Stunde!
Gleichzeitig konnten wir uns nicht vorstellen wie man mehrere Tage auf so einem Hausboot aushalten kann, das mit 12km/h dahintuckert, an Schleussen haltmacht und noch dazu immerzu in dem alleenartig bewachsenen Kanal gefangen bleibt.
Schoen wars, aber ich bin froh als wieder Abwechslung kommt. Auf dem Zahnfleisch kriechen wir wieder ueber Huegel. Mais, Kartoffeln, Nussplantagen und Weinbau lassen uns keinen Platz zum Zelten. Wenigsten koennen wir unsere Wassernoete loesen. Ich bin froh, dem netten Man unsere Flaschen ueber den Zaun reichen zu koennen ohne ihm durch seine hundeverseuchtes Grundstueck folgen zu muessen. Noch ein paar Muesliriegel weiter werden wir dann mit einem schoenen von Hecken eingesaeumten flachen Stueck Wiese belohnt. Alles gut.
Es geht immer noch auf und ab, an fast jedem Haus jagen uns die Hunde nach, zum Glueck immer getrennt von einem Zaun. Etwas Zittern ist es dann aber doch immer, zu sehen, ob der Besitzer das Tor auch tatsaechlich geschlossen hat. Wir fahren bergauf, da stehen auf freier Strasse ploetzlich drei bellende Hunde vor uns. Sie laufen auf uns zu. Nun ist es soweit. Fuer solche Faelle greife ich zu meinem Anti-Dog Spray am Lenker und halte es schussbereit wie der Raeuber Hotzenplotz seine Pfefferpistole in der Hand. Juri lacht panisch vor Angst, Lenya schlaeft, Angela faehrt vor mir. Immer wieder umgeben die Hunde mich, zwei links, einer rechts, dann wieder umgekehrt, mir schiesst Adrenalin ins Blut. Ich halte das Pfefferspray hoch in der Luft. Juri haette es spannend gefunden. ich vermeide es aber abzudruecken, wuerden sie dann noch wilder, wie truefe ich allen Dreien auch moeglichst gleichzeitig ins Auge? Nach langen Schreckminuten verziehen sich die Koeter, eigentlich haette man sie verdreschen sollen und den Besitzer gleich mit!
Wir sind wieder fuer uns, noch viele Hunde aber alle hinterm Zaun. Die Zwinger sind neben aufblasbarem Pool fast ein Statussymbol, “Attention aux chien”. Da werde ich von einem “Pling!” aus meinen Gedanken gerissen. So verbringe ich den groessten Teil der Mittagspause damit, die gebrochene Speiche an meinem Hinterrad zu ersetzen, bei der Gelegenheit tausche ich dann auch gerade den abgefahrenen Hinterreifen mit dem Vorderreifen.
Wir fahren weiter bis wir dem wuchtigen Burgschloss Roquetellaide gegenueber stehen. Vor allem Juri zuliebe schliessen wir uns auch einer Fuehrung an. Die Einrichtung ist beeindruckend und verrueckt, da wollte der letzte Marquis vor 150 Jahren einen Wehrturm wieder klassifizieren und hat das auch ganz fantasievoll hingekriegt. Der Hoehepunkt fuer Juri ist dann aber, als er sich einen echten Ritterhelm mit Klappvisier aufsetzen darf! Krass ist auch, dass das Schloss, wie anscheinend viele andere in Frankreich, in Privatbesitz ist und auch immer noch bewohnt wird, ja sogar die Kueche mit den zig Kupfertoepfen und Gewcht angetriebenem Grillspiess wird von den durch Wein zu Reichtum gekommenen Besitzern noch genutzt. Der Sohn ist so beeindruckt von unserem Velozug, dass er uns gerne ein Stueck begleitet haette.
Wir freuen uns dann und waehnen uns fast im siebten Himmel als wir erst einem Radweg finden, der geht noch 80km flach weiter auf einer alten Eisenbahntrasse bis zum Meer, und dann eine Zeltwiese mit Bank und Tisch finden. Was koennen wir uns so noch mehr wuenschen? So werden wir unsere Seelen in zwei Tagen einholen.
Wir jagen unseren Seelen hinterher
August 3rd, 2008 · No Comments
Tags: Allgemein
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